Axel Struwe

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Wachsender Stillstand oder Abbilder des Zerfalls
Ende der 1990er Jahre hat der Bielefelder Fotograf Axel Struwe (Jahrgang 1970) verfallene Hinterhöfe in Berlin Prenzlauer Berg fotografiert. Über mehrere Jahre entstanden Arbeiten, von denen eine Auswahl in dieser Ausstellung gezeigt wird.

Der ästhetische Wert dieser Bilder wird zum einen durch die Motivwahl bestimmt und zum anderen durch eine eigenwillige Technik, die ganz besondere Farben und Texturen hervorbringt. Es handelt sich um eine rein künstlerische Arbeit, ohne dokumentarische oder journalistische Intention, ausgezeichnet beim renommierten Reinhard-Wolf-Preis und dem ersten Preis des Polaroid-Wettbewerbs.

Struwe wird angetrieben von einer „Seh-Sucht“: das Gesehene, das Zerfallene und Zerfallende abzubilden, denn „alles Neue ist nur von kurzer Dauer – eine Vortäuschung von heiler Welt und heiler Materie. Ästhetik stand für mich immer im Vordergrund: Das schöne Sein. Letztlich ist alles flüchtig.“

Die Arbeiten entstanden in dem Bewusstsein, dass es die Prenzlauer Hinterhöfe, symbolisch auch für den Zerfall der ehemaligen DDR, in der Form nicht mehr lange geben würde. Der Zerfall war nicht aufzuhalten, ebenso wenig die damals bereits eingesetzte Sanierungswelle.

Es ist auch der sehr persönliche Blick des Fotografen auf die ehemals sehr eleganten Gebäude der Gründerzeit, in denen Menschen gelebt haben mit schönen und leidvollen Momenten. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung Berlins sind mit dem Zerfall des Viertels auch Namen und Geschichten der Bewohner verschwunden.

Diesen Zerfall lediglich abzufotografieren, war Struwe nicht genug: Durch eine spezielle fotografische Verfremdungstechnik wird der Eindruck noch gesteigert. Die Grenze von Fotografie und Malerei wird dabei überschritten: „Diese Bilder sind komplett analog, sie haben gar nichts – weder Pixel noch Filmkorn.“

Axel Struwes Reihe basiert auf einer von ihm selbst entwickelten Technik, entstanden aus Experimenten mit der Unterbrechung des Entwicklungsprozesses von Polaroid SX 70. Als Ergebnis scheint sich eine Art zusätzlicher “Verfallsfilm” über das eigentliche Abbild des Verfalls zu legen – als gewollte Übersteigerung.

In Farben wie aus einer längst vergangenen Zeit, lösen sich Strukturen und Substanzen auf. Was übrig bleibt, sind ungewohnte Texturen: so, als würde man hinter die Fassaden schauen. Wie Chemikalien, Netzstrukturen, vergrößerte Zellen oder Knochenstruktur transformieren sich Gebäudeteile und Müllcontainer. Konturen fließen zum Teil regelrecht ineinander, eine klare Abgrenzung der Elemente wird unmöglich.

„Ich habe den Zerfall der Materie konserviert – durch meine Fotos.“